Helaba Helaba

Hessen, Thüringen, ­Nordrhein-Westfalen und Brandenburg: ­Frisches Wachstum?

In Hessen lässt’s sich gut konsumieren und sparen

In Hessen liegt die Wirtschaftskraft – gemessen am Brutto­inlandsprodukt pro Einwohner – um 15 % über dem Pro-Kopf-Wert in Deutschland. Das Wohlstandsniveau ist damit vergleichbar hoch wie in Bayern und Baden-Württemberg. Dies ist auch die Ursache für die überdurchschnittliche Sparquote in Hessen von knapp 11 %.

Dabei ist Hessen besonders stark vom Dienstleistungssektor geprägt. Logistik, Finanzwirtschaft sowie die Informations- und Kommunikationsbranche sind von herausragender Bedeutung. Sie sorgen für Geschäft, wovon eine Vielzahl ­weiterer Unternehmensdienstleister profitiert. Insgesamt herrscht eine hohe Dynamik im tertiären Sektor, die für einen Großteil der Branchen mit spür­baren Umsatzzu­wächsen verbunden ist.

Impulsgeber der hessischen Verkehrs­unternehmen ist der Flughafen Frankfurt. Innerhalb Deutschlands nimmt er unangefochten Platz 1 ein. Auch weltweit befindet er sich unter den 15 größten Flughäfen. In diesem Jahr dürfte mit etwa 63 Mio. Fluggästen wieder ein neuer Rekordwert erreicht werden. Damit nutzt der Flughafen zunehmend die Kapazitäten, die durch den Ausbau der Start- und Landebahnen ermöglicht wurden.

Die deutsche Bankenbranche mit ihrem Zentrum Frankfurt ist weiterhin durch das Niedrigzinsumfeld gefordert. Das Kreditvolumen insgesamt steigt zwar durch den konstanten Nachfragezuwachs von Unternehmen und Privatpersonen, allerdings dürften die erzielten Erträge eher bescheiden ausfallen. Mit der Umsetzung des Brexit in den kommenden Jahren erfährt der Finanzplatz Frankfurt als Favorit in Kontinental­europa einen Bedeutungszuwachs, der sich mittelfristig auch im erweiterten Umfeld der Stadt auswirkt.

Die hessische Industrie zählt mit einer Exportquote von rund 54 % zur Spitzengruppe in Deutschland. Die Umsätze stiegen 2017 mit einem Plus von 5 % in den ersten acht Monaten deutlich an – im Vorjahr waren sie dagegen leicht rückläufig gewesen. Insgesamt bleibt die Entwicklung aber hinter der bundesweiten zurück.

Das hessische Baugewerbe hat 2017 viel zu tun: Die Umsätze stiegen bisher um 7,5 % als Folge umfangreicher öffentlicher Tiefbaumaßnahmen sowie eines sehr regen Wohnungsbaus. Der Wirtschaftsbau dagegen lieferte nur einen geringen Wachstumsbeitrag.

Die Vorgaben aus den verschiedenen Wirtschaftsbereichen sprechen 2017 für ein etwas unterdurchschnittliches Wachstum in Hessen. Daran dürfte sich 2018 nichts grundlegend ändern – blieb doch in den letzten zehn Jahren das hessische Wachstum zumeist unter dem Bundesdurchschnitt. Mit Blick auf die guten Arbeitsmarktdaten in Hessen sollte aber wieder eine Annäherung einsetzen.

Beschäftigung in vielen Regionen auf der Rolltreppe nach oben

Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Helaba Volkswirtschaft / Research

Thüringen: Mehr ältere Menschen im Einkaufszentrum

Thüringen ist ein stark von der Industrie geprägtes Bundesland. Es weist mit einem Beschäftigungsanteil des Produzierenden Gewerbes von 30 % die gleiche Struktur wie Baden-Württemberg auf, dem Industrieland Nr. 1 in Deutschland. Die Exportquote ist allerdings noch deutlich niedriger, obwohl sie ­kontinuierlich gesteigert werden konnte.

Die Umsatzentwicklung in der Industrie blieb etwas hinter der bundesweiten zurück. Dennoch stieg die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe Thüringens 2017 überdurchschnittlich um knapp 2 %, was für einen hohen Auslastungsgrad spricht. Dabei nahmen die Entgelte überdurchschnittlich zu – ein Resultat der guten Lage auf dem dortigen Arbeitsmarkt.

Thüringen ist nämlich auf dem Weg zur Vollbeschäftigung: Die Arbeitslosenquote betrug im Oktober 5,6 % und war damit nur geringfügig höher als der gesamtdeutsche Durchschnitt von 5,4 %. Dies liegt zum einen am anhaltend posi­tiven Beschäftigungstrend. Stärker sind zum anderen aber die Auswirkungen der demografischen Entwicklung Thüringens zu spüren, die sich in dem ­überdurchschnittlichen Alter der Arbeitslosen sowie der Beschäftigten jetzt schon zeigen.

In den Thüringer Wohnungsbau ist wieder Schwung gekommen. Umsätze und Auftragseingänge nahmen in die­sem Jahr überdurchschnittlich zu. ­Allerdings ist die Situation nicht in ganz ­Thüringen gleich. So üben die kreisfreien Städte Weimar, Erfurt, Jena und Eisenach als Wohnort für Arbeitnehmer eine Anziehungskraft aus: Sie weisen eine zunehmende Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter auf, die sich dort zwischen 2014 und 2016 nieder­gelassen haben.

Mit einem BIP pro Einwohner von 74 % des Bundesdurchschnitts und einer Sparquote von 6,7 % befindet sich Thüringen auf Platz 2 unter den ostdeutschen Bundesländern. Das Wirtschaftswachstum war in den vergangenen zehn Jahren etwas überdurchschnittlich. Für 2017 sprechen die Daten eher für eine leicht unterdurchschnittliche Zuwachsrate. Eine dauerhaft höhere Dynamik ist nur zu erwarten, wenn durch Investitionen und Arbeitskräfte das Wachstumspotenzial in Thüringen so wie im letzten Jahrzehnt stetig vergrößert wird.

Sparen abhängig von Einkommen und Zinsen

Quellen: Arbeitskreis VGR der Länder, Helaba Volkswirtschaft / Research

Nordrhein-Westfalen mit frischerem Wachstum

In Nordrhein-Westfalen (NRW) ist die Industrie 2017 auf einen dynamischen Kurs eingeschwenkt. Die Wachstumsrate der Umsätze liegt sogar etwas über dem Bundesdurchschnitt. In den fünf Jahren davor waren die Umsätze zurückgegangen. Die Folge ist, dass die NRW-Industrie Ende 2016 noch nicht wieder auf ihr Vorkrisenniveau zurückgekehrt war.

Das „frische“ Wachstum 2017 kommt aus allen großen Industriezweigen fast gleichermaßen. Besonders wichtig ist, dass die Metallbranche, der Maschinenbau und die chemische Industrie wieder mit deutlichen Raten wachsen, machen sie doch in NRW 22 % bzw. jeweils 13 % am Umsatz des ­Verarbeitenden Gewerbes inklusive Bergbau aus. Mit der etwas höheren Nachfrage aus dem Ausland setzt sich der Trend steigender Exportquoten fort.

Das Baugewerbe ist ebenfalls sehr gefragt. Hier ist es der gewerbliche Bau, der die Entwicklung mit einem Umsatzplus von 16 % antreibt. Aber auch der Wohnungsbau sowie der öffentliche und Straßenbau sind gefordert und erreichen Zuwächse von 9 % bzw. 11 %.

Die Impulse aus den unternehmensnahen Dienstleistungen sind in NRW genauso kräftig wie in Deutschland insgesamt. Die Kauflaune der Konsumenten ist in NRW sogar noch besser. So sind im Einzelhandel reale Umsatzzuwächse von 4,2 % in den ersten acht Monaten 2017 zu beobachten gewesen – bundesweit liegt der Wert mit 3 % niedriger.

Insgesamt ergibt sich ein positives Bild für NRW: Für dieses Jahr ist ein überdurchschnittliches Wachstum zu erwarten, das sich angesichts der guten Auftragslage 2018 fortsetzen dürfte. Zusammen mit dem Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt sollte sich die Wirtschaftskraft verbessern. Auch die Sparquote, die mit 9,2 % einen halben Prozentpunkt unter dem gesamtdeutschen Wert liegt, profitiert von dieser Entwicklung.

Exportquoten zumeist im Trend steigend

* Durchschnitt Januar bis August 2017

Quellen: Statistisches Bundesamt, Helaba Volkswirtschaft / Research

Brandenburg auf Warteposition

Brandenburg ist eng mit Berlin verbunden, wie die Pendlerströme eindrucksvoll zeigen. So pendeln gut 200.000 Arbeitnehmer in die Stadt und etwa 85.000 Berliner ins Brandenburger Umland. Die positiven Folgen für das Einkommensniveau der Brandenburger sind spürbar und zeigen sich auch in der mit 8,2 % höchsten Sparquote unter den neuen Bundesländern.

Berlin ist derzeit mit 4,2 % das Bundesland mit dem höchsten Beschäftigungszuwachs. Dies kommt nicht von ungefähr. Weist die Stadt bisher noch eine unterdurchschnittliche Wirtschaftskraft auf und erreicht nur 96 % des bundesdeutschen BIP pro Einwohner – ein Wert, der für eine Hauptstadt eher untypisch ist. Ein Aufholprozess scheint nun einzusetzen, von dem Brandenburg ebenfalls profitiert. Die Zahl der Beschäftigten steigt auch dort mit immerhin 2,2 %.

Nachdem 2016 der Umsatz im Wohnungsbau in Brandenburg um 37 % und in Berlin um 44 % stieg, setzte im laufenden Jahr eine gewisse Beruhigung ein, die zu einem unterdurchschnittlichen Wachstum im Baugewerbe führt. Die Industrie entwickelt sich wie in den Vorjahren schwach. Die unternehmensnahen Dienstleistungen liegen dieses Jahr im Plus, doch fällt der Zuwachs geringer aus als im Durchschnitt aller Bundesländer.

Insgesamt dürfte in Brandenburg das Wirtschaftswachstum 2017 nicht den Bundesdurchschnitt erreichen. Da sich die Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg wahrscheinlich in das Jahr 2019 hinein verzögert, sind keine zusätzlichen Impulse im kommenden Jahr zu erwarten. Für das Branden­burger BIP ist deshalb ein überdurchschnittliches Wachstum unwahrscheinlich.

  • USA
    USA
  • Grossbritannien - Einigung auf dem Verhandlungsbasar?
    Großbritannien
  • Frankreich - Reformen im konjunkturellen Aufschwung
    Frankreich