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Die Phililips-Kurve - Eine Idee im Räumungsverkauf?

Die Phillips-Kurve

Eine Idee im Räumungsverkauf?

Das Konzept der Phillips-Kurve ist keine abstrakte Theorie, die nur im Elfenbeinturm grübelnde Ökonomen interessiert. Es spielt eine zentrale Rolle in der geldpolitischen Strategie der meisten Notenbanken – einschließlich der Fed und der EZB – und ist ­daher auch für die Anleger von entscheidender Bedeutung.

Die sogenannte Phillips-Kurve geht zurück auf einen Artikel von Alban W. Phillips aus dem Jahr 1958. Diese Originalkurve zeigt für einen Zeitraum von rund 100 Jahren einen (negativen) empirischen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und dem Lohnanstieg in Großbritannien: Je höher die Arbeitslosigkeit, desto weniger legten die Löhne zu (und umgekehrt). Phillips beschrieb die zugrunde liegende Kausalität so: Bei einem schwachen Arbeitsmarkt haben die Beschäftigten wenig Verhandlungsmacht. Die Arbeitgeber sind nicht gezwungen, höhere Löhne zu bieten, um der Konkurrenz knappe Arbeitskräfte abzuwerben.

„Stagflation“ – Kollision mit der Realität

Später wurde dieser Ansatz erweitert. Da es in einer Wett­bewerbssituation wahrscheinlich ist, dass die Unternehmen einen höheren Lohnanstieg auf die Absatzpreise überwälzen, ergibt sich ein indirekter Zusammenhang zwischen Arbeits­losigkeit und den Verbraucherpreisen („modifizierte Phillips-­Kurve“). Entgegen der ursprünglichen Intention der akademischen Väter der Phillips-Kurve interpretierten Politiker diesen Zusammenhang dann als einen steuerbaren „trade-off“. Man könne die Arbeitslosigkeit bekämpfen, indem man eine höhere Inflation zulässt oder aktiv herbeiführt. Beispielhaft wird hier gerne der damalige Wirtschafts- und Finanzminister Helmut Schmidt zitiert, der im Jahr 1972 verkürzt gesagt haben soll: „Lieber 5 % Inflation als 5 % Arbeitslosigkeit!“

Am Ende hatte er beides. Der Versuch der Wirtschaftspolitik, die Beschäftigung mit Hilfe eines expansiven „policy-mix“ aus Fiskal- und Geldpolitik zu erhöhen, führte in den 1970er und frühen 1980er Jahren in vielen Industrieländern, auch in Deutschland, zum Phänomen der „Stagflation“. Hohe Arbeits­losigkeit bei gleichzeitig anziehender Inflation schien nicht nur den kausalen, sondern auch den vorher beobachteten empirischen Zusammenhang, der in der Phillips-Kurve zum Ausdruck kam, zu widerlegen. In der Folge wurde der Ansatz daher ergänzt, insbesondere um das Konzept der NAIRU, der „non-accelerating inflation rate of unemployment“, also jener Arbeitslosenquote, die nicht mit einem Anziehen der Inflation verbunden ist. Diese „gleichgewichtige“ oder „natürliche“ Arbeitslosenquote markiert, vereinfacht formuliert, die Grenze, ab der eine expansive Wirtschaftspolitik keine zusätzliche Beschäftigung mehr schafft, sondern nur noch den Lohn­anstieg und die Teuerung nach oben treibt. Sie ist von Land zu Land unterschiedlich und kann sich im Zeitablauf ändern, denn sie hängt u. a. von der Struktur und den Institutionen des jeweiligen Arbeitsmarktes ab. Sind diese stark verkrustet, mit zu hohem Schutz für bestehende Beschäftigungsverhältnisse, ist die NAIRU tendenziell höher. Dies ist in manchen europäischen Ländern lange die Regel gewesen. Daher kann im Extremfall selbst eine offizielle Arbeitslosenquote von 10 % oder 20 % in diesem Sinne „Vollbeschäftigung“ darstellen („Sockelarbeitslosigkeit“).

Zentrale Rolle im Kalkül der Notenbanken

Für eine relativ lange Zeit passte eine so definierte Phillips-­Kurve – als Beziehung zwischen dem Auslastungsgrad der Wirtschaft (Produktionslücke oder Differenz der Arbeitslosenquote von der NAIRU) und dem Lohn- bzw. Preisanstieg – gut zu dem, was in der Realität beobachtet wurde. Zwar war diese Kurve nie völlig stabil, aber sie war in vielen Ländern belastbar genug, um sie zu einem wichtigen Instrument der Notenbanken zu machen. Die Fed beispielsweise strebt ­explizit Preisniveaustabilität und eine möglichst hohe nach­haltige Beschäftigung an. Die EZB verfolgt ein Inflationsziel, bedient sich aber in ihrer geldpolitischen Strategie und Argumentation der Phillips-Kurve: Eine expansive Politik erhöht das Wachstum und den Auslastungsgrad und führt so (mit Ver­zögerung) zu einer anziehenden Teuerungsrate. Umgekehrt macht eine aktuell zu niedrige Inflation eine (noch) lockerere Geldpolitik erforderlich.

Vor diesem Hintergrund ist es ein gewichtiges Problem, dass seit einiger Zeit auch die „moderne“ Phillips-Kurve ­vielfach nicht mehr zu funktionieren scheint. Vor allem in den USA zeigte sich seit der Finanzkrise das erstaunliche ­Phänomen, dass die Arbeitslosigkeit erst nach oben schoss, ohne dass es zu einer spürbaren Abschwächung des Lohn­auftriebs gekommen wäre. In der folgenden Expansion fiel die Arbeitslosenquote dann stetig und erreichte wohl bereits 2016 ihr „natürliches“ Niveau. Trotzdem blieb ein merkliches Anziehen der Löhne zunächst aus. Dies zeigt ein Vergleich ­zwischen den Phasen 2000 bis 2008 und 2009 bis 2017. Der Einfluss der Arbeitslosigkeit auf die Lohnentwicklung (die Steigung der Trendlinie) halbierte sich in etwa. Ist die ­Phillips-Kurve, und damit die Strategie der Notenbanken, also obsolet?


Die Phillips-Kurve lebt – höhere Lohnzuwächse sind nur eine Frage der Zeit.

Nicht unbedingt! Erstens ist die NAIRU nicht beobachtbar, sondern nur geschätzt. Vielleicht ist sie zum Teil einfach ­niedriger, als viele glauben, und damit der Grad der Unteraus­lastung höher als gedacht. Zweitens gibt es Anzeichen dafür, dass die Steilheit der Phillips-Kurve in der jüngsten Vergangenheit wieder zugenommen hat. Beobachter sehen daher in ihrer Flachheit nach 2009 vermehrt ein weitgehend zyklisches, kein strukturelles Phänomen. Dies spricht gegen Deflations-­Szenarien und stützt die Erwartungen, dass die Dynamik der Löhne und Verbraucherpreise in den großen Industrie­ländern eher zunehmen wird.

Die Phillips-Kurve in den USA hat sich verflacht

Quellen: Macrobond, Helaba Volkswirtschaft / Research

  • Deutschland - Gedränge in den Einkaufszentren
    Deutschland
  • Frankreich - Reformen im konjunkturellen Aufschwung
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  • Grossbritannien - Einigung auf dem Verhandlungsbasar?
    Großbritannien