Helaba Helaba
Grossbritannien - Einigung auf dem Verhandlungsbasar?

Großbritannien

Einigung auf dem Verhandlungsbasar?

Im Vereinigten Königreich schwebt der Brexit über allem. Die nur sehr schleppend verlaufenden Verhandlungen lassen die Unsicherheiten über den EU-Austritt wachsen. Dies wird sich sukzessive in der Konjunktur widerspiegeln. Schon 2018 sollte eine Vorentscheidung fallen, wie das künftige Verhältnis Großbritanniens zur EU aussehen wird.

Die Uhr tickt erbarmungslos! Zwei Jahre nach dem Austrittsantrag muss Großbritannien Ende März 2019 offiziell die EU verlassen. Die Art des Brexit ist noch völlig offen. Die britische Position ist von internen Streitigkeiten geprägt, die klare Linie fehlt. Immerhin ist das Wachstum in Großbritannien nicht wie befürchtet eingebrochen. An Dynamik verlor die Konjunktur 2017 dennoch. Dies wird sich vermutlich 2018 fortsetzen.

Die wirtschaftlichen Folgen des Brexit mussten bislang vor allem die Verbraucher ausbaden. Die Schwäche des Britischen Pfunds verteuerte die Importe und erhöhte die Inflation bis auf 3 %, die Realeinkommen gerieten unter Druck. Der Abwertungseffekt läuft jedoch allmählich aus, so dass sich die Teuerung 2018 etwas zurückbildet. Das Beschäftigungswachstum dürfte an Fahrt verlieren. Daher wird der Anstieg der Real­einkommen 2018 nur etwas höher ausfallen.

Auch aus anderen Gründen sind dem Konsumwachstum Grenzen gesetzt: Während sich die Gesamtverschuldung der privaten Haushalte seit der letzten Rezession entspannt hat, sind insbesondere unbesicherte Konsumentenkredite in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Erhöhte Zahlungs­ausfälle in diesem Segment beeinträchtigen das kredit­finanzierte Konsum­wachstum. Der Vermögenszuwachs dank höherer Wohnimmobilienpreise hat sich nicht zuletzt wegen der Brexit-Unsicherheiten verlangsamt und liefert keine großen Impulse mehr, zumal die Sparquote im historischen Vergleich niedrig ist. Insgesamt wird der private Verbrauch 2018 nur um gut 1 % zulegen.

s = Schätzung, p = Prognose

Quelle: Helaba Volkswirtschaft / Research

Bremsspuren bei den Investitionen

Der Brexit birgt vor allem für Unternehmen eine erhebliche Unsicherheit. Die Bedingungen für Ein- und Ausfuhren und den Einsatz von EU-Arbeitskräften sowie viele weitere Vorschriften könnten sich massiv verändern. Bislang wuchsen die Investitionen zwar sehr solide – nicht nur im Wohnungsbau. Je näher aber der Tag des offiziellen EU-Austritts rückt, desto mehr werden wohl die Unternehmen auf die Bremse treten. 2018 liefern die Anlageinvestitionen vermutlich nur einen marginalen Wachstumsbeitrag. Bei leicht steigenden Staatsausgaben und einem eher neutralen Außenbeitrag dürfte das Bruttoinlandsprodukt 2018 mit 1,0 % noch einmal langsamer als im Vorjahr (mit 1,5 %) expandieren. Damit gerät die britische Wirtschaft im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten ins Hintertreffen.

Die Bank of England wird nach der Zinserhöhung im November, der ersten seit zehn Jahren, zunächst Ruhe bewahren. Trotz der geringen Arbeitslosenquote wird sich das Lohnwachstum allen­falls leicht beschleunigen. Die Importpreise deuten bereits auf eine nachlassende Teuerung hin, zumal sich das Wachstum verlangsamt. Die Inflation überschreitet ihren Zenit und sinkt im Verlauf von 2018 wieder in Richtung 2 %. Die britische Noten­bank könnte daher ihren Leitzins bei 0,5 % belassen.

Brexit-Kompromiss am wahrscheinlichsten

Der Brexit überlagert jedoch Konjunktur und Geldpolitik. Zuzüglich der Zeit für die Ratifizierung ist ein Verhandlungsende bis spätestens Oktober 2018 angedacht. Aber bereits die Verhandlungen über die „Scheidungsrechnung“ verlaufen sehr zäh, ohne dass das zukünftige Verhältnis Großbritanniens zur EU überhaupt thematisiert wurde. Ein von den Briten gewünschtes Freihandelsabkommen jenseits des Binnenmarktes kann in der verbleibenden Zeit nicht in Gänze ausgehandelt werden. Ein Zugeständnis für eine im beiderseitigen Interesse liegende längere Übergangsphase wird die EU wohl erst nach signifikanten Gesprächsfortschritten machen.

Hauptstreitpunkte bleiben die Zuzugsmöglichkeit von EU-­Arbeitnehmern nach Großbritannien sowie der Marktzugang von Waren und Dienstleistungen. Ein Austritt ohne Einigung könnte in Großbritannien neben Zöllen auf WTO-Niveau und nichttarifären Handelshemmnissen Verwerfungen bei der Abwicklung des Außenhandels und im Finanzsektor mit sich bringen. Auch im Flugverkehr oder bei der Kernenergie bestehen Unsicherheiten. Kein Deal ist nicht wirklich eine Option, auch wenn die „Brexiteers“ dies anders beurteilen. Schon allein aufgrund der Größenverhältnisse gilt: Groß­britannien ist stärker auf eine Einigung angewiesen als die EU. Daher wächst im Jahresverlauf der Druck auf Premierministerin May (oder ihren Nachfolger), sich einem Kompromiss anzunähern. Letztlich geht es um Schadensbegrenzung. Ein Abkommen könnte einen relativ freien Warenaustausch, einen eingeschränkten Handel bei Dienstleistungen sowie eine begrenzte Arbeitnehmerfreizügigkeit umfassen. Ungeachtet der geringen Fortschritte, der internen Unstimmigkeiten innerhalb der britischen Regierung sowie Ratifizierungsrisiken in der EU ist ein Deal immer noch die wahrscheinlichste Lösung – spätestens 2019.

„Ich kannte einen Typen in El Paso. Eines Tages zog er sich splitternackt aus und sprang in einen Kaktus. Ich fragte ihn auch: Warum?“ „Und?“ „Er sagte: Er hielt das damals für eine blendende Idee.“ Vin Tanner in den „Glorreichen Sieben“

Brexit zieht britisches Wachstum nach unten

Quellen: Macrobond, Helaba Volkswirtschaft / Research

  • Eurozone
    Eurozone
  • Irland - Zwischen Brexit und Wohnungsnot
    Irland
  • Deutschland - Gedränge in den Einkaufszentren
    Deutschland