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Der Podcast zum Artikel:

Polen, Tschechien, Ungarn

Zwischen Shopping und Cafeteria

Ein Jahr mit einer florierenden Wirtschaft liegt hinter den drei großen Ländern in Mittelosteuropa – und so wie es aussieht auch vor ihnen. Denn mit Wachstumsraten von 3 % und mehr bleibt die Dynamik 2018 in Polen, Tschechien und Ungarn lebhaft. Der private Verbrauch wird dabei aller Voraussicht nach wieder eine tragende Rolle spielen.

Bereits seit 2013 befinden sich die Einzelhandelsumsätze im Aufwind. Zeitgleich dazu ist jeweils – passend zum euro­päischen Trend – ein signifikanter Anstieg der Wohnimmo­bilienpreise zu beobachten. Besonders in Ungarn, aber auch in Tschechien haben sich die Hauspreise allein in den letzten vier Jahren um über 40 % bzw. um 26 % verteuert. In Polen blieb der Anstieg mit knapp 10 % etwas unter der Euroland-­Dynamik. Trotz einer leichten Korrektur in Ungarn zur Jahresmitte 2017 ist eine Wende an den Wohnungsmärkten derzeit nicht absehbar. Bei hohen Eigentümerquoten von rund 80 % bis 85 % dürfte damit ein gefühlter Wohlstandseffekt ver­bunden sein.

Der Konsumoptimismus sollte laut EU-Umfragen auf Jahressicht anhalten. Denn für ihre finanzielle Situation erwarten rund zwei Drittel der Teilnehmer in Tschechien und Ungarn sowie 60 % der befragten Polen Konstanz und jeweils rund 20 % eine Verbesserung. Rekordniedrige Arbeitslosenquoten und kräftige Lohnsteigerungen setzen dabei real messbar konsum­freundliche Rahmenbedingungen.

s = Schätzung, p = Prognose

Quelle: Helaba Volkswirtschaft / Research

Fachkräftemangel ist Realität

Schub erhalten die Löhne aufgrund der engen Arbeitsmärkte in der Region. Denn der Fachkräftemangel ist Realität: In Tschechien etwa, das in der Eurostat-Abgrenzung mit zuletzt nur 2,7 % die niedrigste Arbeitslosenquote in der EU aufweist, ist nahezu Vollbeschäftigung erreicht. Auch Ungarn und Polen liegen mit Quoten zwischen 4 % und 4 ½ % deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 7,5 %.

Boomende Arbeitsmärkte beflügeln den Konsum.

Aber auch staatliche Maßnahmen helfen dem Konsum auf die Sprünge, wie Mehrwertsteuersenkungen und eine Anhebung der Mindestlöhne, die zuletzt in allen drei Ländern wieder stärker ausgefallen ist. Zusätzlich stellen insbesondere die konservativen Regierungen in Polen und Ungarn mehr finanzielle Mittel für Familien und Rentner bereit.

Derlei populäre Maßnahmen sind nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Parlamentswahlen in Ungarn 2018 und in Polen 2019 zu sehen. In Tschechien, das im Oktober 2017 gewählt hat, bleibt noch abzuwarten, ob die von Wahlsieger Babis geplante Minderheitsregierung seiner „Aktion unzufriedener Bürger“ tatsächlich dauerhaft regierungsfähig sein wird.

Zur Finanzierung der fiskalpolitischen Maßnahmen tragen die höheren Steuereinnahmen aufgrund der besseren Konjunktur bei. Zudem setzen die Länder darauf, die Steuervermeidung einzudämmen. Insgesamt haben sich die Budgetdefizite in Polen und Ungarn jedoch weniger stark verringert, als man in der aktuellen Boomphase erwarten könnte.

Zwar liegen die Schuldenstände unter dem EU-Durchschnitt von 83 % des BIP, wobei nur Ungarn mit gut 70 % noch die Maastricht-Grenze reißt. Jedoch laufen Maßnahmen wie die Rückkehr zu einem niedrigeren Rentenalter in Polen mit geschätzten Kosten in Höhe von jährlich 0,5 % des BIP einer nachhaltigen Haushaltskonsolidierung zuwider.

Lohnanstieg beflügelt Konsum

Quellen: Macrobond, Helaba Volkswirtschaft / Research

Zinswende bislang nur in Tschechien

Weitere Impulse für die Konjunktur in der Region kommen von der lockeren Geldpolitik, die im Zuge der letzten Finanzkrise bei schwachen Wachstums- und Inflationsdaten eingeführt wurde. Inzwischen sind die Inflationsraten der drei Länder wieder deutlich gestiegen, in Polen und Ungarn bleiben sie allerdings noch unterhalb des jeweiligen Zielwertes von 2,5 % bzw. 3 %. In Tschechien kletterten die Preise bereits über das 2 %-Ziel. Treiber sind gestiegene Ölpreise, höhere Kosten für Mieten und Nahrungsmittel, aber auch Lohnsteigerungen.

2018 wird die Teuerung voraussichtlich zwischen 2,3 % (in Tschechien) und 3 % (in Ungarn) liegen. Dabei kommen Impulse von den Energiepreisen und von Maßnahmen zur Bekämpfung von Steuervermeidung. Mehr und mehr dürfte sich jedoch die Knappheit am Arbeitsmarkt über steigende Löhne in der Inflation bemerkbar machen.

Die tschechische Zentralbank ist als erste in den Zinserhöhungszyklus gestartet.

Während die Leitzinsen in Ungarn und Polen noch einige Zeit auf historischen Tiefs von 0,9 % und 1,5 % verharren ­dürften, hat die tschechische Zentralbank bereits ihren Zinserhöhungs­zyklus begonnen. Die aktuellen Aufwertungs­tendenzen der Währung werden dabei toleriert. Erst wenn die EZB Anzeichen für eine entschlossenere Straffung der Geldpolitik erkennen lässt, dürfte dieser Zug auch in der Region an Fahrt aufnehmen.

Schlüsselrolle der EU-Fördermittel

Eine wichtige Rolle für den weiteren Konjunkturverlauf ­werden die Fördergelder der EU spielen: Für die laufende Finanzierungsperiode 2014 bis 2020 sind im Rahmen der europäischen Struktur- und Investitionspolitik allein für Polen Mittel in Höhe von über 80 Mrd. Euro vorgesehen, das entspricht etwa 20 % des nominalen BIP. Insgesamt ­erhalten die drei Länder etwa ein Drittel der für die EU in ­diesem Rahmen zur Verfügung stehenden Mittel.

Bislang laufen die Projekte oft nur stockend an. Eine deutliche Steigerung der Abrufquoten zum Ende der Förderperiode hin ist allerdings nichts Außergewöhnliches. Auch gilt in der Regel eine gewisse Karenzphase nach Ablauf der Förderperiode.

Einzelhandel spiegelt Konjunkturschwung

Quellen: Macrobond, Helaba Volkswirtschaft / Research

Jedoch prüft die EU auf Basis des Stands 2018 die Mittelnutzung und die Umsetzung der Programme. Werden die vereinbarten Ziele nicht eingehalten, können die Gelder gekürzt werden, so dass zügiges Handeln – insbesondere die Vorbereitung geeigneter Projekte – geboten ist. Daher dürften die Investitionen 2018 einen spürbaren Beitrag zum BIP-Wachstum leisten. Allerdings wird sich die erforderliche Ko-Finanzierung durch die nationalen Haushalte auch in den Budgetsalden bemerkbar machen und Konsolidierungsfortschritte begrenzen.

Intensiver Handel mit Deutschland

Von der schwungvollen Wachstumsdynamik in der EU und in Deutschland profitieren besonders die beiden kleineren Volkswirtschaften mit zahlreichen Niederlassungen von Produktionsstätten und Zulieferern des Automobilsektors. Für den Autostandort Deutschland kommen Tschechien und Ungarn zusammen an dritter Stelle bei den Importen.

s = Schätzung, p = Prognose

Quelle: Helaba Volkswirtschaft / Research

Die starke Konzentration auf eine Branche wird allerdings bei sektorspezifischen Krisen zum Problem. Dies kann der Fall sein, wenn Fortschritte verschleppt werden und die internationale Wettbewerbsfähigkeit leidet oder qualifizierte Arbeitnehmer nicht mehr in ausreichender Zahl zu finden sind. So wird auch ein Ausbau der mit 80 % bis 85 % stark ausgelasteten Kapazitäten davon abhängen, ob genügend Fachpersonal vorhanden ist. Hier könnte die Wirtschaft in der Region von ihrem eigenen Erfolg gebremst werden.

Der Fachkräftemangel könnte zum ­Flaschenhals der Konjunktur werden.

EU-Mitgliedschaft nach dem Cafeteria-Prinzip

Die Euro-Einführung ist in den drei Ländern von der Agenda verschwunden. Auch wenn die quantitativen Maastricht-­Kriterien meist problemlos erfüllt werden und sich die Länder dazu verpflichtet haben, sind die mit einer einheitlichen Währung verbundenen Kompromisse, v. a. die Übergabe der geldpolitischen Kompetenzen an die EZB, derzeit wenig attraktiv.

s = Schätzung, p = Prognose

Quelle: Helaba Volkswirtschaft / Research

Hinzu kommt, dass die Umstellung auf die gemeinsame Währung insbesondere von den Tschechen und den Polen nicht unterstützt wird. Hier lehnt die Mehrheit den Euro ab. In Ungarn liegt die Zustimmung bei gut der Hälfte. Generell hüten sich die Regierungen, die Verbindungen zur EU zu intensivieren. Vor allem die EU-Einwanderungspolitik wird als problematisch empfunden. Die polnische und die ungarische Regierung machen immer wieder durch die Konfrontation mit der EU Schlagzeilen. Auch der tschechische Wahlsieger Babis hatte im Wahlkampf europakritische Töne angeschlagen.

Gleichzeitig verdeutlichen die umfangreichen Fördergelder und der Aufschwung der Region in den letzten Jahren, in welch hohem Maße die Länder von ihrer EU-Mitgliedschaft profitieren. Die abweisende Haltung in der Flüchtlingspolitik und der bisweilen scharfe Tonfall passen dazu schlecht und dürften zumindest teilweise den anstehenden Parlaments­wahlen in Polen und Ungarn geschuldet sein. Offenbar gilt hier das Cafeteria-Prinzip: Aufs Tablett kommt nur, was ansprechend aussieht. Dies verträgt sich weder mit dem europäischen Gedanken, noch ist es im EU-Reformprozess ­hilfreich.

Kapazitätsauslastung auf dem Weg zu Vorkrisen-Rekorden

Quellen: Eurostat, Helaba Volkswirtschaft / Research

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